30


Viele Flüchtlinge im Atzenzeller Schloss

 

Befragte Person: Ludwig S.

Alter bei Kriegsende: 17 Jahre

Wohnort:  Atzenzell

 

Mein Opa heißt Ludwig S., der im alten Schloss von Atzenzell wohnt. Er ist am 07.02.1928 in seinem Wohnort geboren. Er war 17 Jahre alt, als der 2. Weltkrieg zu Ende ging.

Mein Großvater freute sich, als der Krieg endlich zu Ende war. Aber mit dem Kriegsende kamen auch noch viele neue Probleme hinzu. Die ehemalige Tschechoslowakei vertrieb alle Deutschen und ein Flüchtlingsstrom kam auf Deutschland zu. Da Atzenzell sehr nahe an der Grenze liegt, kamen sehr viele Flüchtlinge hierher. Seine Eltern besaßen noch dazu ein großes Wirtshaus und einen Bauernhof, deswegen mussten sehr viele Flüchtlinge aufgenommen werden. Fürs Gasthaus mussten Sie 3 und für den Bauernhof 5 Flüchtlinge aufnehmen, also insgesamt 8 Vertriebene. Erstaunlich aber war, dass die sie keinen Aufstand machten. Es ging ihnen bei uns sehr gut, sie hatten genügend zu essen und zu trinken. Natürlich wurde mein Opa auch im Krieg eingesetzt, nämlich in Reichenbach in einem Wehrrekutierungslager der HJ. Aber er war nur Mitläufer, wo er zum Soldaten der deutschen Armee ausgebildet wurde.

Trinken und Essen gab es eigentlich im Überfluss. Es wurde aus dem Bauernhof herausgewirtschaftet.

Als die Amerikaner bei uns einmarschierten, hingen aus fast allen Fenstern weiße Bettlaken, das hieß so viel wie, dass sie sich ohne Kampf ergaben. Seitdem änderte sich das Leben im ganzen Dorf. Die Amerikaner brachten Kisten voll Lebensmittel mit. Zuerst wollten die Dorfbewohner den Inhalt nicht essen, weil außen auf der Kiste "give" stand und sie meinten, dass die Amis uns mit den Lebensmitteln vergiften wollten, bis uns ein Ami erzählte, dass "give" auf Deutsch "geben" heißt. In den Kisten war auch sehr viel Unbekanntes, z.B. Kaugummi, das kannten wir bei uns noch gar nicht.

               Die Wohnverhältnisse waren im Gegensatz zu anderen Gebieten sehr gut, denn die Amis schossen nicht auf Atzenzell, dagegen wurde Zinzenzell versehentlich von einer Fliegerbombe getroffen. Die noch funktionierenden Waffen gingen in die Hände der Amis und wurden unschädlich gemacht. Von der Uniform nahm man die Abzeichen herunter und bleichte sie in eine andere Farbe. Das gleiche geschah mit der HJ-Jacke.

Nach Kriegsende hatten sie zwar ein paar Freizeitmöglichkeiten, aber durch die viele Arbeit gab es so gut wie keine Freizeit.

 

Michael Kemnitz